Dienstag, 4. Mai 2021

Als Twitter mich sperrte.


Eine Geschichte vom Verschwinden


Ich bin kein guter Follower. Maximal alle paar Wochen logge ich mich bei Twitter ein und hinterlasse einige Herzchen. Beiträge schreibe ich ungleich seltener. Und so kommt es, dass ich es eine Weile gar nicht bemerke. Wochen, vielleicht sogar Monate. Als ich mich kurz nach dem Jahreswechsel einlogge, finde ich mein Konto gesperrt vor. Meine Timeline kann ich noch sehen. Das Herzchen, das ich setzen will, erscheint - und verschwindet eine Sekunde später wieder. Ebenso das nächste. Ich google und stelle fest: Es gibt mich nicht mehr.




In den für mich einsehbaren kläglichen Überresten meines Accounts finde ich immerhin die Möglichkeit, über meine Sperrung "mehr zu erfahren". Die meisten Accounts würden gesperrt, heißt es da, weil sie spammten oder gefälscht seien. Leider werde manchmal versehentlich ein Account einer wirklichen Person gesperrt. In diesen Fällen arbeite man mit der fraglichen Person zusammen, damit die Sperrung des Accounts wieder aufgehoben werde.

Wie schön, denke ich erleichtert. Als Problemlösung nennt Twitter zwei mögliche Vorgehensweisen. Die erste ist das Ändern des Passworts. Dies könne bei einem gehackten Account zu einer Aufhebung der Sperrung führen. Ich ändere also mein Passwort. Ansonsten ändert sich nichts. Ich bleibe gesperrt.

Die letzte verbliebene Möglichkeit führt über den Button "Contact our support team", wo ich über ein Kontaktformular durch die Einlegung eines Einspruchs die Aufhebung meiner Account-Sperrung beantragen kann. Hier soll ich angeben, warum ich meine, nicht gegen Twitter-Regeln verstoßen zu haben. Ich denke nach. Könnte ich einen Verstoß begangen haben? Ist es bei Twitter womöglich verboten, als Autorin die eigenen Bücher zu bewerben? Es fällt mir schwer, das zu glauben - kenne ich doch hunderte gleichartiger Schriftsteller-Accounts, die keiner Sperrung unterliegen. Was könnte es sonst sein? Ich habe wohl irgendwann einmal Erdogan erwähnt. Auch Putin. Und natürlich Trump. Keinen davon auf schmeichelhafte Weise, aber auch nicht wirklich unangemessen. Könnte das mein Vergehen sein: eine dezente politische Äußerung, ohne jeglichen Aufruf zum Aufruhr? Diese Vorstellung erscheint mir noch erschreckender, geradezu unfassbar. Soll das allen Ernstes mein mich seit zwölf Jahren begleitendes Twitter sein? Die Abschaffung freier Meinungsäußerung, der Untergang der Worte?

Um diesem ungeheuerlichen Verdacht etwas entgegenzusetzen, überlege ich angestrengt weiter: Vielleicht mag Twitter meine Fotos nicht? Die Fotos aus meinen Beiträgen sind nämlich, im Gegensatz zum Geschriebenen, selbst für mich nicht mehr sichtbar, sondern ausgegraut. Sind möglicherweise nicht künstlerisch genug. Oder zu sehr.

An diesem Punkt beende ich meine immer absurderen Überlegungen. Einspruch einlegen, jetzt aber. Ich habe nicht gegen Twitter-Regeln verstoßen. Das wüsste ich.

Nach der Absendung über das Kontaktformular landet eine automatisierte Nachricht von Twitter im Posteingang meines E-Mail-Accounts. Sie enthält eine Ticket-Nummer und fordert mich auf, durch Antwort den Zugriff auf diese von mir angegebene E-Mail-Adresse zu bestätigen; nur dann werde mein Ticket bearbeitet. Ich bestätige umgehend, Zugriff zu haben. Dann warte ich.

Ich bearbeite beruflich selbst Einsprüche. Daher ist mir bewusst, dass der Arbeitsanfall phasenweise hoch sein kann und es mit der Bearbeitung nicht immer zügig geht, vor allem, wenn die Materie schwierig ist. Und hier muss es wohl schwierig sein - kann ich doch selbst nicht nachvollziehen, worin mein Verstoß gegen Twitter-Regeln, den mir gegenüber nie jemand begründet hat, bestehen könnte. Also warte ich brav etwa einen Monat ab, um dann noch einmal auf die Nachricht, der ich bereits damals den Zugriff auf meine E-Mail-Adresse bestätigt hatte, zu antworten. Die Rückmeldung kommt sofort. Eine automatische Antwort-E-Mail, in der mir mitgeteilt wird, dass ich auf ein Ticket antworte, welches bereits geschlossen wurde.

Nein, nicht etwa, weil man meinen Twitter-Account wieder freigeschaltet hat. Er ist weiterhin gesperrt. Ich wiederhole also das Spiel: Einspruch über Kontaktformular, Zugriff auf E-Mail-Adresse bestätigen. Abwarten, diesmal aber nicht ganz so lange, denn ich stelle mir vor, dass das Ticket vermutlich nach einem bestimmten Zeitablauf automatisch geschlossen wird, wenn es niemand bearbeitet. Automatisiert kann Twitter. Besser dieses Mal schon nach zwei Wochen nachfassen.

Als ich das schließlich tue, kommt keine automatisierte Antwort. Juchu, denke ich, noch nicht geschlossen! Eine regelrechte Euphorie überkommt mich: Eventuell hat meine erneute Antwort nun sogar zu einer Verlängerung des möglichen Bearbeitungszeitfensters dieses Tickets geführt. Dies würde mir ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, meinen Standpunkt weiter darzulegen und auszubauen. Ich werde in zwei Wochen noch einmal schreiben, nehme ich mir vor, um die erfolgte Verlängerung des Bearbeitungszeitfensters zu verifizieren und eine weitere Verlängerung zu generieren. Tatsächlich gerät mir dabei aus dem Blick, dass bis dahin längst eine Bearbeitung erfolgt sein könnte. Das Ticket muss offen bleiben, hämmert es in meinem Kopf, nur darum geht es jetzt, um jeden Preis.

Zwei Wochen später, nichts ist passiert, ich antworte erneut. Ich habe den längeren Atem, liebes Twitter, du wirst schon sehen!

Zwei Wochen später, nichts ist passiert, ich antworte erneut.

Und tatsächlich... Die Rückmeldung kommt einige Stunden später. Man habe meinen Twitter-Account wieder freigeschaltet. Beim nächsten Mal solle ich aber die Formularseite benutzen, da dieser E-Mail-Account nicht auf Antworten überwacht werde. Äh, Moment mal... Ich sollte doch explizit durch Antwort auf ebendiesen - nicht auf Antworten überwachten - Service-Account meine E-Mail-Adresse bestätigen! Und im Ernst... die Formularseite benutzen? Wo hatte ich denn einige Monate zuvor gegen die Sperrung Einspruch eingelegt? Na? Naaaa? Genau.

Ach, Twitter. Automatisiert kannst du. Die besten Absichten hast du. Aber ein bisschen verpeilt bist du schon.

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