Donnerstag, 24. Juni 2010

Vorübergehend geschlossen.


Ich ziehe mich vorübergehend aus dem WWW zurück. Ich habe gemerkt, dass die Löschung meiner FB-Seite und die Privatisierung meiner MySpace-Seite nicht ausreichend war, um meinem Bedürfnis nach Rückzug und persönlichem Freiraum gerecht zu werden. Ich habe derzeit nichts zu sagen und komme erst wieder, wenn sich das ändern sollte. Gilt mit Einschränkungen auch für E-Mails.

Donnerstag, 17. Juni 2010

werbepausendichten III


dann wirfst du das wort in den raum
das ganz allein den staubsaugerbeutel füllt

ich habe angst vor spinnen und wage nicht
ihn zu öffnen diesen mund dieses herzloch

durch das alles hinausströmt

an einen ort den ich nie bewohnen wollte
mitten in deinem kopf mitten auf einem

spielbrett dem die hälfte der figuren fehlt


© Horlemann Verlag, 2013

Montag, 14. Juni 2010

Gefühle eines endlosen Tages


Heute habe ich einen alten Text wiedergefunden. Es war der erste Prosatext, den ich in meinem Leben geschrieben habe. Er wurde in einer Anthologie veröffentlicht, und dann habe ich ihn vergessen. Als ich ihn nun nach etlichen Jahren zum ersten Mal wieder gelesen habe, wurde mir bewusst, dass es noch immer der Text ist, der am meisten ICH ist, dass ich bei keinem späteren Text näher bei mir selbst war.
Ein Satz aus der Geschichte lautet: Manchmal wünsche ich mir, keine Gefühle zu haben und niemals wieder jemanden lieben zu müssen.
Das soll ich damals geschrieben haben?, dachte ich. Das habe ich doch gerade erst begriffen, erst gestern oder letzten Monat, meinetwegen letztes Jahr, aber doch keinesfalls schon damals!
Aber ich wusste es damals schon. Sonst stünde es ja nicht in diesem Word.doc aus dem Jahr 2001. Diese Erkenntnis hat mich sehr erschreckt, denn: Wie kann man das immer wieder vergessen, wo man es doch schon so lange weiß? Wie kann man die gleichen Fehler immer wieder machen, immer wieder lieben, immer wieder Vertrauen haben?

Hier ist der Anfang der Geschichte "Gefühle eines endlosen Tages", die bei mir in eine Endlosschleife getreten ist, in der sie sich auch heute noch ständig wiederholt, nur in Nuancen abgewandelt, in Nebenrollen, Uhrzeigern oder Fahrplänen:

>>Ein schnarrendes Geräusch, als die große Uhr vor dem Bahnhofsgebäude auf 7.14 Uhr springt. Ich stehe auf einer Straße, die keine ist, in einer Welt, die ich nicht mehr lieben kann. Menschen gehen an mir vorüber, sie sind blaß und durchsichtig, ihre Haare sind grau, ihre Gesichter zerknittert, ihre Augen trüb und leblos. Irgendwo hält ein Zug, die Leute steigen ein, weil sie nicht wissen, daß alle Züge immer nur im Kreis fahren. Ich weiß es, doch ich bin es müde geworden, Erklärungen abzugeben. Als ich eines Tages bemerkt habe, daß ich nicht mehr weinen kann, bin ich nicht einmal überrascht gewesen. Ich kannte das von den anderen. So fängt es immer an.
>>Ein Windstoß fegt ein paar der Papiermenschen davon. Es geht mich nichts an, doch es schmerzt mich. Ich sehe ihnen nach, als sie im Nichts verschwinden; es ist, als hätte es sie nie gegeben. Wieso habe ich versäumt, ihnen übers Haar zu streichen, einmal ihre Hand zu halten? Seltsam, jemanden nie gekannt zu haben und ihn so sehr zu vermissen.
>>Die schwere Kirchturmglocke schlägt dreimal. Ist es tatsächlich 7.45 Uhr oder bilde ich es mir nur ein? Kann ich den unzähligen Zifferblättern glauben, auf denen überall der kleine Zeiger kurz vor der Sieben steht? Meine digitale Armbanduhr sagt mir unmißverständlich, daß der Tag erst begonnen hat, obwohl ich so müde bin, wie man es eigentlich nur am späten Abend sein sollte.
>>Um mich herum spielen Kinder, ein blutroter Ball fliegt zischend durch die schwere, vom Nebel getrübte Morgenluft; fast kann ich ihn schreien hören. Ich sollte nach Hause gehen, denke ich, ich fühle mich heute nicht besonders. Aber wo ist mein Zuhause?
>>Die Kinder sind in ihr Spiel vertieft und nehmen mich überhaupt nicht wahr, obwohl ich mitten unter ihnen stehe. Plötzlich fliegt der Ball geradewegs auf mich zu, glitzernd spiegeln sich Fragmente des bleiernen Himmels auf seiner bis zum Zerreißen gespannten Haut. In einem Reflex strecke ich meine Hände nach vorne, um ihn aufzufangen, mir ist, als müsse er in tausend Stücke zerspringen, sollte er auf den gnadenlosen Asphalt der Straße auftreffen. Dutzende kleiner, spitzer Steinchen würden ihn gierig aufspießen, Löcher in ihn hineinbohren, bis er Sprünge bekäme, bis diese Sprünge Fortsätze ausbildeten, über ihn kriechende Spinnentiere, die seine Einheit in Millionen kleinster Bruchstücke zerbersten lassen würden.
>>Aber ich werde ihm dieses Schicksal ersparen, gleich wird er meine rettenden Hände erreichen. Ich greife zu, spüre schon seine feste, kühle Entschlossenheit zwischen meinen Fingern, als meine Hände plötzlich völlig unerwartet in ihm versinken, als ich nichts zu fassen bekomme außer einer brennenden Leere in meinen Handflächen. Hilflos sehe ich seine stolze Gestalt der Erde entgegenstürzen, bis er schließlich jammernd auf den Boden klatscht und beginnt, immer wieder in neue wahnwitzige Formen wechselnd, hinter mir auf den kalten, spitzen Steinen herumzukriechen. Ich starre verständnislos auf meine Hände, die ebenso verständnislos zurückblicken. Was ist geschehen?
>>Eines der Kinder ist inzwischen dem Flug des Balles gefolgt. Es rennt auf mich zu, scheint das Hindernis vor sich gar nicht zu bemerken. Ich will ausweichen, schaffe es jedoch nicht mehr. Mit einem lautlosen Aufschrei fließe ich, ohne irgendeine Art von Widerstand zu bilden, durch den mich durchdringenden Körper hindurch, und würde ich die heißen Tränen nicht spüren, die mir in diesem Moment in die Augen schießen, ich könnte nicht mehr an meine Existenz glauben.
[...]

Beim heutigen Lesen des Textes hatte ich den Eindruck, ich hätte die Geschichte anders beginnen lassen sollen, sie hätte schon an einem früheren Zeitpunkt des Tages einsetzen sollen. Morgens nach dem Aufwachen, wo man einen Augenblick lang glaubt, dass alles nur ein böser Traum gewesen ist. Wo man überzeugt ist, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um jemanden berühren zu können, der so selbstverständlich neben einem liegen sollte, dass es gar nicht anders sein kann.
Denn mit diesem ersten Moment steht und fällt alles. Der ganze endlose Tag.

Sonntag, 13. Juni 2010

8-#


Es gibt Tage, an denen ich die Protagonisten meiner Geschichten bis ins Letzte verstehe. Das sind die Tage, die mir Angst machen, weil es kein Limit mehr gibt und keine Konsequenzen, für nichts.

Samstag, 12. Juni 2010

tinnitus, tag achtzehn


schon stechen die absätze
in den ohren ihren stöckeltakt, erinnern
nur an das geräusch von eh und je,
das märchen von den roten schuhen, tanz,
tanz weiter, bis du deine füße nicht mehr
haben willst. ein fluchtversuch, das sammeln
verirrter kassiber oder auch: mit diesem
ekel füllst du deinen schlaf.

Dienstag, 8. Juni 2010

Sie haben 0 Punkte - Gönnen Sie sich eine Prämie!


Diese Nachricht erhält man, wenn man sein PayPal-Konto nicht nutzt. Ich habe heute also beschlossen, mir meine Prämie zu gönnen. Da PayPal bei genauerem Hinsehen findet, dass man mit 0 Punkten nur 0 Prämie bekommen kann, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Gar nicht so einfach! Im Leben bekommt man schließlich nichts geschenkt, schon gar nicht von anderen. Es sei denn, man bittet darum.

Ich habe darum gebeten. Als erstes um Pröbchen in der Apotheke, die bekommt man hier nämlich nur, wenn man rotzfrech danach fragt. Weil mich die Pröbchen aber nicht wirklich über den Tag gerettet haben, habe ich um noch mehr gebeten: an der Pommesbude um ein bisschen mehr Ketchup, beim Arzt um einen Termin, der eigentlich gar nicht mehr frei war, die Hundehalterin darum, dass sie ihren Fiffi von meinen hellen Hosen wegnehmen möge, und nicht zuletzt den Prospektausträger, seinen Mist nicht immer in meinen Briefkasten zu stopfen, auf dem doch so hübsche, selbstgebastelte Schildchen kleben, wo "keine Werbung" und "keine Zeitungen" draufsteht.

Auch wenn eine erfolgreiche Wirkung der letztgenannten Bitte sich erst in der Zukunft zeigen könnte, so darf ich alles in allem doch jetzt schon sagen:

Was habe ich mir heute nicht alles gegönnt für meine 0 Punkte. PayPal würde staunen...

Sonntag, 30. Mai 2010

tinnitus, tag fünf


hätte ich dir nicht zu früh
einen namen gegeben hätte
vielleicht eine chance bestanden
hätte ich nicht zu viel geträumt von
geräuschen die nicht existieren hätte
ich noch alle tassen im schrank gelassen
hätte ich nicht das ende vor dem anfang oder
die geschichte umschreiben wollen in zu fremden
armen die das hätte vergessen machen können dann
hätte
wäre
wenn
ich noch kämpfen könnte und nicht alles aufgegeben hätte
wärst du bei mir und nicht nur in meinem kopf der diese zeilen
denkt

Freitag, 28. Mai 2010

tinnitus, tag drei


wir können uns nichts anhaben
sagst du und ritzt dir
meinen namen unter die haut


© Horlemann Verlag, 2013

Donnerstag, 27. Mai 2010

für s., gestern


die ungeborenen kinder sind uns
abhanden gekommen wie der letzte schnee
während beim arzt die infusion durchlief
und meine hände immer kälter wurden
war ich durch einen vorhang von fremder
atmung getrennt das wollte ich dir
eigentlich erzählen doch ich vergaß
so vieles und wieder ging es nur um alles
was wir nicht bekommen können
als hätten wir es lang genug versucht
aber manchmal kommt plötzlich jemand
mit einer orchidee und ein anderer
macht keinen schritt du ahnst ja dass
ich morgen schon nicht mehr wissen werde
was mir nicht gut tut und dieser ganze schitt
koexistiert doch nur in unseren köpfen
an dieser stelle dürftest du lachen und ich
vergessen dass mir vodka nicht schmeckt


© Horlemann Verlag, 2013

Montag, 24. Mai 2010

"Schräge Chansons"


Riesig gefreut hat mich heute die Nachricht, dass im Rahmen des Projekts "Schräge Chansons" einige meiner Gedichte durch die Wiener Komponistin und Pianistin Monika Dörfler vertont werden. Die Uraufführung findet am 16.11.2010 in Wien statt.

Das Projekt "Schräge Chansons" gibt es schon länger. Bereits im Jahr 2009 wurde Lyrik u.a. von Ulrike Draesner, Lydia Daher, Franzobel, Anton G. Leitner, Andrea Heuser und Manfred Chobot vertont.

Verzicht auf den Vogelpark


Immer wieder kommt es im Leben vor, dass man wählen kann. Prinzipiell eine gute Sache, denn grundsätzlich weiß man ja, was man will. Wäre da nicht die Vernunft, die einen davon abhalten kann, etwas zu tun, was man eigentlich möchte, oder die einen dazu bringen kann, etwas zu tun, was man eigentlich nicht möchte. Das fängt in meinem Fall bei Romanen an und hört bei Männern auf.

Seit jeher kommt es in meinem Leben zu solchen Konstellationen: Entscheidungsfindungen, bei denen ein ganz klares Bauchgefühl zur einen Seite und ein ganz klares Kopfgefühl zur anderen Seite besteht. Wie auch immer ich die Spatz-Taube-Frage in der Vergangenheit entschieden habe, ob ich Kopf (meist) oder Bauch (manchmal) habe entscheiden lassen, am Ende stand häufig der Supergau.

Eine Variante, die ich erstaunlicherweise bislang nie in Betracht gezogen hatte, wäre jedoch, sich gegen beides zu entscheiden: kein Spatz, keine Taube. Und kein Ärger. Einfach so weitermachen wie bisher. Da alle anderen Varianten einen Tendenz zum Supergau haben, wäre das doch mal etwas, was man austesten sollte, oder? Keine Vögel mehr. Ich mag sowieso lieber Katzen.

Also, weg mit dem ganzen Vogelgedöns, egal wie schön sie singen und egal wie bunt ihre Federn sind! Da gibt es nur ein Problem: Die Katze frisst den Spatz in der Hand, den man ihr hinhält. Aber erwischt sie auch die Taube auf dem Dach?

Freitag, 14. Mai 2010

sprich nicht mit geistern


über diesen tagen etwas
das die stirn nicht trägt die hände
nach gebrauch zurücklässt
als gezähmte zirkustiere im innern
eines fest verschlossenen
mundes beware of the
whatever denn wer weiß schon
was darin sich aufhält oder wächst
es ist doch so: ein jedes
vergiftetes apfelstück findet platz
in irgendeiner kehle wo es
ausharrt und sich breit macht
über diesen tagen etwas
das die schulden tilgt die furche
am scheitel weißt und da ist
immer noch das leben
das du niemals führen wolltest
nun heißt es vita und steht
in jeder mappe die du weggibst
die zurückkehrt manchmal
schon nach tagen manchmal erst
nach jahren wie ein alter fluch


© Horlemann Verlag, 2013

Sonntag, 25. April 2010

*

Wenn ein Anfang wäre wie ein neuer Zahn, der eine alte Lücke schließt, dann möchte ich ihn an einer Stelle, wo ich nichts vermisst habe und jetzt trotzdem etwas wächst.

Mittwoch, 21. April 2010

Was man hat, das hat man. Oder auch nicht.


Quizfrage: Was macht man mit 75.000 Euro, die man gar nicht hätte bekommen dürfen?

a) Sowas gibt es nicht. (Doch, heute auf der Arbeit erlebt!)
b) Man bucht sie zurück.
c) Man behält sie.

Da wir Anstand besitzen (und weil Möglichkeit c) eh irgendwann auffliegen würde), wählen wir Möglichkeit b), die sich allerdings recht umständlich gestaltet, wenn man den eingegangenen Betrag bereits gesplittet und teilweise auf eine bis dato offene Forderung verbucht hat (aber eine Forderung zu haben, heißt ja leider nicht zwangsläufig, sie auch vereinnahmen zu dürfen).
Vereinfacht dargestellt, tun wir das Folgende: Wir schreiben erst einmal zu dem noch nicht verbuchten Restbetrag (Überzahlung) eine Annahmeanordnung, obwohl wir dazu nicht mal eine Forderung haben, nehmen diesen Restbetrag dann aus der vorübergehenden Verwahrung und haben jetzt für einen Moment: noch mehr Geld, das uns nicht zusteht! Nämlich das Geld aus der zu Unrecht vereinnahmten Forderung und das aus der fiktiven, gar nicht existenten Forderung. Da wir aber Anstand besitzen (und weil Möglichkeit c) eh irgendwann... s.o.), überweisen wir sodann alles an die Stelle zurück, bei der ein Automatismus dazu geführt hat, dass wir das Geld seinerzeit fälschlicherweise zugewiesen bekommen haben. Wir wählen nun bei der Rücküberweisung einen klaren Verwendungszweck mit diversen Kennzahlen und punktgenauen Begrifflichkeiten, um weitere Automatismen so gut als möglich auszuschließen. Wir fragen später nochmal nach, ob das Geld auch wirklich angekommen ist. Wir teilen Hinz und Kunz (die wir zuvor im Rahmen unserer Nachforschungen verrückt gemacht haben) mit, dass jetzt alles toll ist. Wir malen uns aus, was wir mit 75.000 Euro gemacht hätten, wenn sie durch eine glückliche und gänzlich unverdiente Fügung auf unserem Privatkonto gelandet wären. Dazu nur soviel: Wir hätten es mit Sicherheit nicht gebloggt.

Freitag, 16. April 2010

werbepausendichten II


ich möchte nicht mehr in verschlüsselungen
denken vor dem sprechen kontrollieren
was nicht stimmt meine hände sind schon
wieder ein stück kleiner geworden das kommt
von zu viel anfassen was man nicht anfassen
soll oder: wenn ich meinen kaffeebecher
mit dem brotkorb verwechsle so etwas passiert
mitunter am rand der abendnachrichten
während ich an dich denke deine stimme
in meinem ohr zum leben erwecke vielleicht
auch völlig neu erschaffe wie dein lächeln und
dein längst schon falsch erinnertes gesicht


© Horlemann Verlag, 2013

Dienstag, 30. März 2010

Neues Genre


Nun wird es ernst. Heute habe ich den Vertrag mit einem großen Verlag unterschrieben, und dieser Vertrag führt mich in ein neues Genre. Fix war's schon länger, und noch länger war die Sache im Gespräch. Und eine ganze Weile erschien es mir - trotz Exposé-Verfassens, erster Recherchen und Kapitelentwürfe - noch sehr abstrakt. Inzwischen ist es auch im Kopf angekommen. Und es ist schön, zum ersten Mal beim Schreibprozess von jemandem begleitet zu werden. Ich bin zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit mit dem Verlag sehr produktiv sein wird. Der geplante Erscheinungstermin für das Buch ist Herbst 2011, man darf gespannt sein, ich bin es jedenfalls. Einen Roman zu schreiben (die noch nicht lektorierte Erstversion), dauert etwa so lange wie eine Schwangerschaft. Ich glaube, es wird ein Mädchen. Wenn es zur Welt kommt, wird es 16 Jahre alt sein.

Freitag, 5. März 2010

Ernst im Alltag


Wer schon immer wissen wollte, wie man sich in Zeiten der Krise mit gebotenem Ernst durchs Leben bewegen sollte, der kann meinen Text Ernst im Alltag auf den Seiten der schreibkraft nachlesen.

Mittwoch, 3. März 2010

Seabear im Hafenklang


Tja, ich werde auf meine alten Tage tatsächlich noch zur Konzertgängerin. Nach Brett Anderson im Januar waren gestern Seabear aus Reykjavik dran – derzeit eine meiner absoluten Lieblingsbands. Zum Glück haben wir noch Karten an der Abendkasse bekommen, und außerdem die Garderobenmarken mit den Nummern 1 und 2. Die Vorgruppe war (in Teilen) bärtig und brummelig, aber durchaus hörenswert. Als Seabear dann auf der Bühne standen und ausgerechnet mit meinem Lieblingssong "Arms" loslegten, war ich wunschlos glücklich. Das ganze Konzert war unbeschreiblich schön. Und dabei ist mir etwas ziemlich Erstaunliches aufgefallen: Während ich früher Musik gehört habe, um darin mein eigenes "Leiden" wiederzufinden, höre ich sie nun, weil sie mich glücklich macht. Was ist da nur passiert? Leide ich nicht mehr am Leben? Oder anders als früher? Nennt man das Erwachsenwerden? Zufriedenwerden? Oder einfach nur Älterwerden? Auf jeden Fall fühlt es sich erstaunlich gut an. Wo auch immer ich da angekommen bin, ich möchte nicht mehr von dort weg. Oder noch weiter hin. Die Frage ist unausweichlich: Geht da noch mehr?

Ich habe mir fest vorgenommen, in zehn Jahren diesen Blogeintrag nochmals zu lesen und mir die Frage in einem Kommentar zu beantworten. Wer jetzt denkt "Geh, den Blog gibt's in zehn Jahren doch längst nicht mehr!", der könnte Recht haben. Aber wenn es ihn nicht mehr gibt, dann wahrscheinlich deshalb, weil er mir einfach nicht mehr wichtig ist. Es könnte ja durchaus sein, dass wachsende Zufriedenheit Blogs überflüssig werden lässt. Man darf gespannt sein.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Hollywoodschaukel


Wenn ihr ungefähr so alt seid wie ich, dann hattet ihr bestimmt auch so ein Teil oder kanntet jedenfalls jemanden, der eins hatte... ;-)



Die Hollywoodschaukel im Garten meiner Großmama hat viele Erinnerungen bei mir hinterlassen. Ich kann mich an den Geruch der sonnenerhitzten Polster erinnern und an das hartnäckige Quietschen beim Schaukeln. Am liebsten saß ich allein darin. Oder besser: ich lag und versuchte, im Liegen zu schaukeln, was mir nie so recht gelingen wollte (und was von meinen Eltern gar nicht gern gesehen wurde, weil die Schaukel nicht sonderlich standfest war). Wenn ich heute an die Hollywoodschaukel denke, ist auch alles andere wieder da. Die Erdbeeren, das Johannisbeergelee, der Rhabarberkuchen mit dem Baiserschaum. Die Minze, die so wunderbar gerochen hat, wenn man sie zwischen den Fingern zerrieb. Das Gefühl der Brennesseln an den Beinen. Und der Nachbarshund, mit dem ich am Zaun entlang immer Wettrennen gemacht habe. Manchmal saß ich im Gartenhäuschen und habe mir vorgestellt, dort zu wohnen, ganz allein, und von dem Obst im Garten zu leben. Die Steinplatten auf der Terrasse waren in der Sonne glühend heiß unter den Füßen, man durfte nicht stehen bleiben, man musste immer weiter. Und überall liefen diese winzigen roten Milben herum. Ich habe ganze Nachmittage damit verbracht, Insekten aus dem Wasser zu retten. Warum wollte ich eigentlich nie Bademeisterin werden?

Anlass für meine Gedanken über dieses farbenfrohe Familienfoto ist übrigens die Literaturzeitschrift "Kritische Ausgabe", die in ihrem nächsten Heft mit dem Thema "Familie" möglichst keine normalen Autorenfotos haben will, sondern Fotos, auf denen die Autoren zusammen mit dem abgebildet sind, was sie als ihre Familie ansehen (können auch Freunde oder Stofftiere sein, hieß es). Ich besitze leider kein aktuelles Familienfoto, und meine Stofftiere sind schon vor langer Zeit dem Entsorgungsdrang meiner Mutter zum Opfer gefallen, also musste ich fototechnisch zurückgehen in eine Zeit, in der ich noch nicht so fotoscheu war wie heute. Und wie's ausschaut, wird in der nächsten Kritischen Ausgabe dann Klein-Myriam in der Hollywoodschaukel auftauchen, neben Großpapa, Mama und Großmama. Das Foto hat der Papa gemacht.

Ich finde es schade, dass die Hollywoodschaukel später im Rahmen eines Umzugs entsorgt wurde. Kann man sich vorstellen, dass ich seit meiner Zeit in diesem Garten keine Glühwürmchen mehr gesehen habe? Gibt es überhaupt noch Glühwürmchen? Gibt es noch Hollywoodschaukeln? Meine Haare sind jedenfalls nicht mehr so hell wie damals. Dafür ist die Nase viel größer. Die Hände hingegen sind fast genauso klein geblieben - weshalb ich die kleinsten Papierschiffchen der Klasse falten konnte, einige Jahre später allerdings das Gitarrespielen nach einem einigermaßen langen Versuch wieder aufgegeben habe, da so mancher Akkord nicht greifbar war. Um vor ein paar Monaten beim Orthopäden eine Bandage für mein Handgelenk zu bekommen, musste die Sprechstundenhilfe in den Keller gehen: "Größe 1 haben wir hier oben nicht, das braucht sonst kein Mensch."

Ich habe kürzlich versucht, ein Papierschiffchen zu falten und konnte es nicht mehr. Es sollte gar kein besonders kleines sein, ich wollte einfach nur mal wieder ein Schiffchen falten. Aber ich wusste nicht mehr, wie es geht. Bis zum Hut kam ich noch, und das war’s dann. Dieser Moment hat sich angefühlt, als wäre irgend etwas falsch gelaufen zwischen damals und heute, als wäre ein sehr elementarer Teil von mir verschwunden. Einfach weg. Wie die Glühwürmchen und der Baiserschaum und ein Teil der Personen auf dem Foto.

Montag, 8. Februar 2010

Borreliose


Heute mal ein bisschen Aufklärungsarbeit hinsichtlich einer Krankheit, die man nach einer unbehandelten Infektion ein Leben lang mit sich herumschleppt, die sich vielfältig äußern kann und oftmals zu falschen Diagnosen führt: die Lyme-Borreliose.

Ich selbst wurde im Alter von acht Jahren damit infiziert und leide - nach früheren gelegentlichen und nur leichten Beschwerden - seit letztem Jahr erstmals an starken Beschwerden, die einen normalen Alltag so gut wie unmöglich machen. Die Krankheit kann im Spätstadium im schlimmsten Fall nicht nur zu starken Schmerzen, sondern auch zu Lähmungen führen. Ich möchte deshalb an dieser Stelle einen Link zu einem informativen Artikel der Apotheken-Umschau posten. Leider ist die Krankheit in der Bevölkerung und sogar unter Ärzten immer noch nicht sehr bekannt. Im besten Falle hat man schon mal davon gehört, weiß aber nicht wirklich etwas über die Symptomatik.

Infos zur Lyme-Borreliose (Symptome, Diagnose, Therapie etc.)