Dienstag, 5. Januar 2010

Brett Anderson // Slow Attack


Eine alte Liebe vergisst man normalerweise nicht. Doch man kann sie aus den Augen verlieren und nach einigen Jahren feststellen, dass sie erwachsen geworden ist.

Als sich Suede damals aufgelöst haben, waren mir The Tears kein wirklicher Trost. Also habe ich den Kontakt abgebrochen und das Ganze nicht mehr weiter verfolgt, weil man nicht gerne dabei zusieht, wie eine alte Liebe sich von einem entfremdet.

Umso dankbarer bin ich, dass mich nun jemand aus meinem Dörnröschenschlaf geholt und mich auf die Solowerke von Brett Anderson aufmerksam gemacht hat. Etwas beschämt bin ich schon, davon so gar nichts mitbekommen zu haben. Wie tief kann man schlafen? Ja, ich war wohl fast schon komatös.

Und so habe ich nun das aktuelle Soloalbum "Slow Attack" von Brett Anderson gehört. Ich weiß nicht viel über Musik und ich weiß nicht viel über Literatur. Beides nehme ich mit Sicherheit anders auf als jemand, der eine vorwiegend wissenschaftliche Herangehensweise hat. Egal ob ich ein Buch lese/schreibe oder ob ich Musik höre - ich kann nur dem vertrauen, was ich dabei spüre. Bei "Slow Attack" ist es das Folgende: Sie sind noch da. Die Streicher, das Piano aus Suede-Zeiten. Auch die Sehnsucht in den Texten. Das macht es einfacher, nach all den Jahren wieder einen Zugang zu finden. Doch nötig wäre diese Verbindungslinie hier gar nicht gewesen, ich würde "Slow Attack" auch nicht anders beurteilen, wenn ich noch nie ein Suede-Album gehört hätte. Dieses Werk spricht für sich selbst, auch ohne Erinnerungen. Jeder Song stimmt, jedes eingesetzte Instrument scheint beängstigend genau an seinem Platz. Es ist ein Album wie ein guter Roman, kein Stückwerk, sondern ein perfektes Ganzes, in dem die einzelnen Titel zu einer Einheit verschmelzen. Ein unaufgeregtes Album voller trauriger, sehnsuchtsvoller Töne und Texte, die immer auch Hoffnung und Leidenschaft vermitteln. Ein Aufbruchsalbum, ein Angekommenseinalbum. Eine Slow Attack, der man sich nicht entziehen kann. Da gibt es keine Songs mit Überlänge und langen Insrumental-Passagen, die zwar in sich wunderbar sind, aber die Einheit und den Fluss eines Albums stören (wie z.B. bei "The Asphalt World" auf "Dog Man Star"), es gibt keine Eskapaden und keine Schnörkel. Hier ist alles sehr konsequent auf den Punkt gebracht, alles relevant und keine Sequenz überflüssig. Sollte ich "Slow Attack" mit einem Buch vergleichen, würde es "Herztier" von Herta Müller sein – nicht wegen der Texte, sondern wegen des Gefühls, mit dem es mich zurücklässt.

Noch etwas Schönes: Seit Suede-Zeiten hat sich Brett Andersons Stimme kaum verändert. Sie ist nicht wirklich älter geworden, aber erwachsener und ebenfalls mehr auf den Punkt. Vielleicht nicht so sehr in technischer Hinsicht wie in emotionaler.

Fazit: Eines der besten Alben, die ich je gehört habe. Noch besser als Suede. Oder auch: Wir sind nun alle ein paar Jahre älter, und das ist gut so.

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