Dienstag, 14. April 2015

Über Beinfreiheit, Respekt und Eier


Wer diesen Blog verfolgt, weiß, dass die öffentlichen Verkehrsmittel ein immer wieder gerne thematisiertes Feld darstellen. Nach meinen gestrigen Erfahrungen in der Hamburger U-Bahn-Linie U1 bin ich geneigt zu sagen: Schlachtfeld. Ich bekam einen Tritt gegen das Schienbein und konnte nur knapp einem beherzten Schlag ausweichen. Wohlgemerkt: Die körperlichen Zuwendungen kamen von unterschiedlichen Personen. In unterschiedlichen Wagons. Ohne jeden Zusammenhang. Jedoch innerhalb eines Zeitraums von nur wenigen Minuten.

Es ist gegen 19.30 Uhr, ich steige am Hauptbahnhof in die U1 Richtung Hamburg-Wandsbek. Die Hochbahn hat eines der alten Zugmodelle eingesetzt - das mit den wenigen Sitzen und den zuknallenden Türen, dessen Einfahren die Leute am Bahnsteig gerne zum Verdrehen der Augen oder zum leisen Seufzen animiert. Es sind sechs Haltestellen bis zu meinem Ziel, die planmäßige Fahrzeit für diese Strecke beträgt neun Minuten. Vor mir steigt ein dunkelhäutiger Mann um die dreißig ein, der sich wie ich in den kleineren Sitzbereich nach links begibt; dort befindet sich am Ende des Wagens eine komplett durchgehende Bank, dieser gegenüber ein Einzelplatz sowie eine Zweierbank. Der Mann wählt den Einzelplatz. Ich setze mich auf die durchgängige Bank, auf den Platz, der als einziger keinen gegenüberliegenden Sitz hat. Ich mag Beinfreiheit.
Der Mann ebenfalls, wie ich bald feststellen werde. Noch während er sich hinsetzt, murmelt er etwas, anscheinend zu der jungen, leicht überschminkten Frau ihm gegenüber (also neben mir). Sie fragt höflich nach. Zurück kommt wieder nur ein unverständliches Murmeln. Es bleibt jedoch nicht lange so ruhig. Ihre Sitzhaltung - übereinandergeschlagene Beine - behält sie bei, was den Mann dazu veranlasst, eine Haltestelle weiter einen lauteren Ton anzuschlagen.
"Können Sie vielleicht mal die Beine nebeneinander stellen und aufhören, mir mit den Schuhen meine Hose dreckig zu machen?"
"Nö, kann ich nicht. Ich sitz hier ganz normal."
"Nimm das Bein runter!"
"Ich war zuerst da. Du kannst ja die Beine anziehen."
"Ich will mich aber normal hinsetzen. Mach jetzt Platz hier!"
"Bla, bla, ich hör dich gar nich. Sprich mit meinen Händen!"
Das tut der Mann nicht, er spricht lieber mit ihren störenden Beinen, indem er kräftig dagegen tritt.
"Ey, spinnst du? Hast du kein' Respekt gelernt?"
Es folgen lautstarke gegenseitige Beschimpfungen, gepaart mit weiteren Tritten von beiden Seiten, von denen auch ich einen abbekomme.
Nach drei der sechs Haltestellen meiner Fahrt beschließe ich, den Wagen zu wechseln. Ich habe neun Stunden Arbeit hinter mir, ich bin müde und möchte nicht mitspielen.
"Ich will mich frei fühlen!", höre ich den Mann rufen, als ich den Wagen verlasse. Das klingt ein bisschen schön und ein bisschen traurig.

Ich befinde mich nun im allerersten Wagen des Zuges. Bis zur nächsten Haltestelle bleibt es ruhig. Dort schließen sich die Türen der U-Bahn, doch vor dem Anfahren hämmert eine blonde Frau, vermutlich in den Vierzigern, von außen dagegen. Der Fahrer macht mehrfach die Durchsage, man solle vom Zug zurückbleiben. Doch das kümmert die Frau nicht, sie ist viel zu beschäftigt damit, einen (der Optik nach möglicherweise türkischstämmigen) Fahrgast hinter der Tür anzubrüllen, mit üblen Schimpfworten zu belegen und ihm durch die Scheibe den Mittelfinger zu zeigen. Das Arschloch solle sie gefälligst reinlassen. Der Angesprochene ignoriert die Frau. Und er könnte auch gar nichts tun, selbst wenn er wollte, denn die Türen sind längst vom Fahrer verriegelt worden, man kommt nicht mehr raus oder rein. Ach ja, der Fahrer... der macht nun gleich mehrere Fehler: Er öffnet die Tür seiner Kabine zum Bahnsteig hin. Die Frau lässt daraufhin von dem unerreichbaren Fahrgast ab und schießt auf den Fahrer zu, der sich, obwohl er auch noch von ihr angepflaumt wird, breitschlagen lässt, die Türen nochmal zu öffnen und die Verrückte mitzunehmen. Vielen Fahrgästen steht die Verständnislosigkeit über diese Entscheidung ins Gesicht geschrieben. Die Frau poltert in den ersten Wagon. Sie führt ein winziges, verängstigt dreinschauendes Hündchen mit sich und brüllt nun wieder mit allem, was ihre rauchige Stimme mit ausländischem Akzent hergibt, den verhassten Fahrgast an.
Der Fahrer öffnet jetzt die Tür seiner Kabine zum Innenbereich des Wagons.
"Ich habe Sie extra noch reingelassen, jetzt verhalten Sie sich auch ruhig."
Das tut die Frau exakt so lange, bis er losgefahren ist. Dann brüllt sie weiter, setzt sich breitbeinig einem (der Optik nach auch wieder möglicherweise türkischstämmigen) Fahrgast gegenüber, dem sie ihr Hündchen zwischen die Füße schiebt. Sie selbst mag, es ist nicht zu übersehen, Beinfreiheit. Der unfreiwillige Hundesitter wagt nur ganz vorsichtig mit Gesten anzudeuten, dass das Tier da doch irgendwie nicht hingehört.
"Scheiß Ausländer", überschlägt sich ihre Stimme,"ihr seid alle gleich!"
Ihre Aufmerksamkeit verteilt sich ab jetzt gerecht auf beide möglicherweise türkischstämmigen Fahrgäste. Die beiden Männer trennen gut zwei Meter, der eine sitzt, der andere steht, die Frau befindet sich dazwischen, mal sitzend den einen anschreiend, mal aufstehend dem anderen Schläge androhend. Und ich habe auch in diesem Wagen wieder den falschen Sitzbereich gewählt. Ihr Arm verfehlt mich bei einem ihrer angedeuteten Schläge nur knapp.
"In meinem Land lässt man keine Frau mit Hund vor der Tür stehen!", schreit sie den Stehenden an. "Du blöder Wichser!", bekommt der Sitzende zu hören. "Alles total verkommen in diesem Land! Dreckspack!"
Ihr Hündchen kauert derweil mucksmäuschenstill zwischen fremden, möglicherweise türkischstämmigen Beinen und ist dort vermutlich besser aufgehoben als zwischen ihren eigenen, mit denen sie in ihrem Zorn unaufhörlich die wildesten Bewegungen vollführt. Wenn das Tier sie verstehen könnte, würde es sich womöglich fragen, warum sie es nicht in ihr schönes Land mitnimmt, in dem man Frauen mit Hunden nicht vor der Tür stehenlässt und wo es wahrscheinlich auch Bäume gibt, an denen Hundeleckerlis wachsen.

Meine Neun-Minuten-Fahrt in zwei Wagen der U1 geht zu Ende. Ich bin bereits aus der Tür, als ich an der Haltestelle Wandsbek Markt die letzten gebrüllten Worte der Frau vernehme:
"Hast du keine Eier?! Geh Sport machen!"


Hinweis: Etwaige politisch inkorrekte Formulierungen in diesem Eintrag sind entweder beabsichtigt oder der Verfasserin schlichtweg egal. Sie lehnt die sprachliche Gängelung durch vorgegebene (vermeintlich) politisch korrekte Begrifflichkeiten ebenso ab wie durch das Gendering.

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