Literatur ohne festen Wohnsitz.
Lyrikbrocken und Prosaschnipsel in loser Schüttung.
Und ganz Profanes.
Freitag, 28. Mai 2010
tinnitus, tag drei
wir können uns nichts anhaben
sagst du und ritzt dir
meinen namen unter die haut
© Horlemann Verlag, 2013
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Lyrikbrocken
Donnerstag, 27. Mai 2010
für s., gestern
die ungeborenen kinder sind uns
abhanden gekommen wie der letzte schnee
während beim arzt die infusion durchlief
und meine hände immer kälter wurden
war ich durch einen vorhang von fremder
atmung getrennt das wollte ich dir
eigentlich erzählen doch ich vergaß
so vieles und wieder ging es nur um alles
was wir nicht bekommen können
als hätten wir es lang genug versucht
aber manchmal kommt plötzlich jemand
mit einer orchidee und ein anderer
macht keinen schritt du ahnst ja dass
ich morgen schon nicht mehr wissen werde
was mir nicht gut tut und dieser ganze schitt
koexistiert doch nur in unseren köpfen
an dieser stelle dürftest du lachen und ich
vergessen dass mir vodka nicht schmeckt
© Horlemann Verlag, 2013
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Lyrikbrocken
Montag, 24. Mai 2010
"Schräge Chansons"
Riesig gefreut hat mich heute die Nachricht, dass im Rahmen des Projekts "Schräge Chansons" einige meiner Gedichte durch die Wiener Komponistin und Pianistin Monika Dörfler vertont werden. Die Uraufführung findet am 16.11.2010 in Wien statt.
Das Projekt "Schräge Chansons" gibt es schon länger. Bereits im Jahr 2009 wurde Lyrik u.a. von Ulrike Draesner, Lydia Daher, Franzobel, Anton G. Leitner, Andrea Heuser und Manfred Chobot vertont.
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Hörbares
Verzicht auf den Vogelpark
Immer wieder kommt es im Leben vor, dass man wählen kann. Prinzipiell eine gute Sache, denn grundsätzlich weiß man ja, was man will. Wäre da nicht die Vernunft, die einen davon abhalten kann, etwas zu tun, was man eigentlich möchte, oder die einen dazu bringen kann, etwas zu tun, was man eigentlich nicht möchte. Das fängt in meinem Fall bei Romanen an und hört bei Männern auf.
Seit jeher kommt es in meinem Leben zu solchen Konstellationen: Entscheidungsfindungen, bei denen ein ganz klares Bauchgefühl zur einen Seite und ein ganz klares Kopfgefühl zur anderen Seite besteht. Wie auch immer ich die Spatz-Taube-Frage in der Vergangenheit entschieden habe, ob ich Kopf (meist) oder Bauch (manchmal) habe entscheiden lassen, am Ende stand häufig der Supergau.
Eine Variante, die ich erstaunlicherweise bislang nie in Betracht gezogen hatte, wäre jedoch, sich gegen beides zu entscheiden: kein Spatz, keine Taube. Und kein Ärger. Einfach so weitermachen wie bisher. Da alle anderen Varianten einen Tendenz zum Supergau haben, wäre das doch mal etwas, was man austesten sollte, oder? Keine Vögel mehr. Ich mag sowieso lieber Katzen.
Also, weg mit dem ganzen Vogelgedöns, egal wie schön sie singen und egal wie bunt ihre Federn sind! Da gibt es nur ein Problem: Die Katze frisst den Spatz in der Hand, den man ihr hinhält. Aber erwischt sie auch die Taube auf dem Dach?
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Denkpausen
Freitag, 14. Mai 2010
sprich nicht mit geistern
über diesen tagen etwas
das die stirn nicht trägt die hände
nach gebrauch zurücklässt
als gezähmte zirkustiere im innern
eines fest verschlossenen
mundes beware of the
whatever denn wer weiß schon
was darin sich aufhält oder wächst
es ist doch so: ein jedes
vergiftetes apfelstück findet platz
in irgendeiner kehle wo es
ausharrt und sich breit macht
über diesen tagen etwas
das die schulden tilgt die furche
am scheitel weißt und da ist
immer noch das leben
das du niemals führen wolltest
nun heißt es vita und steht
in jeder mappe die du weggibst
die zurückkehrt manchmal
schon nach tagen manchmal erst
nach jahren wie ein alter fluch
© Horlemann Verlag, 2013
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Lyrikbrocken
Sonntag, 25. April 2010
*
Wenn ein Anfang wäre wie ein neuer Zahn, der eine alte Lücke schließt, dann möchte ich ihn an einer Stelle, wo ich nichts vermisst habe und jetzt trotzdem etwas wächst.
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Prosaschnipsel
Mittwoch, 21. April 2010
Was man hat, das hat man. Oder auch nicht.
Quizfrage: Was macht man mit 75.000 Euro, die man gar nicht hätte bekommen dürfen?
a) Sowas gibt es nicht. (Doch, heute auf der Arbeit erlebt!)
b) Man bucht sie zurück.
c) Man behält sie.
Da wir Anstand besitzen (und weil Möglichkeit c) eh irgendwann auffliegen würde), wählen wir Möglichkeit b), die sich allerdings recht umständlich gestaltet, wenn man den eingegangenen Betrag bereits gesplittet und teilweise auf eine bis dato offene Forderung verbucht hat (aber eine Forderung zu haben, heißt ja leider nicht zwangsläufig, sie auch vereinnahmen zu dürfen).
Vereinfacht dargestellt, tun wir das Folgende: Wir schreiben erst einmal zu dem noch nicht verbuchten Restbetrag (Überzahlung) eine Annahmeanordnung, obwohl wir dazu nicht mal eine Forderung haben, nehmen diesen Restbetrag dann aus der vorübergehenden Verwahrung und haben jetzt für einen Moment: noch mehr Geld, das uns nicht zusteht! Nämlich das Geld aus der zu Unrecht vereinnahmten Forderung und das aus der fiktiven, gar nicht existenten Forderung. Da wir aber Anstand besitzen (und weil Möglichkeit c) eh irgendwann... s.o.), überweisen wir sodann alles an die Stelle zurück, bei der ein Automatismus dazu geführt hat, dass wir das Geld seinerzeit fälschlicherweise zugewiesen bekommen haben. Wir wählen nun bei der Rücküberweisung einen klaren Verwendungszweck mit diversen Kennzahlen und punktgenauen Begrifflichkeiten, um weitere Automatismen so gut als möglich auszuschließen. Wir fragen später nochmal nach, ob das Geld auch wirklich angekommen ist. Wir teilen Hinz und Kunz (die wir zuvor im Rahmen unserer Nachforschungen verrückt gemacht haben) mit, dass jetzt alles toll ist. Wir malen uns aus, was wir mit 75.000 Euro gemacht hätten, wenn sie durch eine glückliche und gänzlich unverdiente Fügung auf unserem Privatkonto gelandet wären. Dazu nur soviel: Wir hätten es mit Sicherheit nicht gebloggt.
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Denkpausen
Freitag, 16. April 2010
werbepausendichten II
ich möchte nicht mehr in verschlüsselungen
denken vor dem sprechen kontrollieren
was nicht stimmt meine hände sind schon
wieder ein stück kleiner geworden das kommt
von zu viel anfassen was man nicht anfassen
soll oder: wenn ich meinen kaffeebecher
mit dem brotkorb verwechsle so etwas passiert
mitunter am rand der abendnachrichten
während ich an dich denke deine stimme
in meinem ohr zum leben erwecke vielleicht
auch völlig neu erschaffe wie dein lächeln und
dein längst schon falsch erinnertes gesicht
© Horlemann Verlag, 2013
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Lyrikbrocken
Dienstag, 30. März 2010
Neues Genre
Nun wird es ernst. Heute habe ich den Vertrag mit einem großen Verlag unterschrieben, und dieser Vertrag führt mich in ein neues Genre. Fix war's schon länger, und noch länger war die Sache im Gespräch. Und eine ganze Weile erschien es mir - trotz Exposé-Verfassens, erster Recherchen und Kapitelentwürfe - noch sehr abstrakt. Inzwischen ist es auch im Kopf angekommen. Und es ist schön, zum ersten Mal beim Schreibprozess von jemandem begleitet zu werden. Ich bin zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit mit dem Verlag sehr produktiv sein wird. Der geplante Erscheinungstermin für das Buch ist Herbst 2011, man darf gespannt sein, ich bin es jedenfalls. Einen Roman zu schreiben (die noch nicht lektorierte Erstversion), dauert etwa so lange wie eine Schwangerschaft. Ich glaube, es wird ein Mädchen. Wenn es zur Welt kommt, wird es 16 Jahre alt sein.
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Druckbares
Freitag, 5. März 2010
Ernst im Alltag
Wer schon immer wissen wollte, wie man sich in Zeiten der Krise mit gebotenem Ernst durchs Leben bewegen sollte, der kann meinen Text Ernst im Alltag auf den Seiten der schreibkraft nachlesen.
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Druckbares,
Prosaschnipsel
Mittwoch, 3. März 2010
Seabear im Hafenklang
Tja, ich werde auf meine alten Tage tatsächlich noch zur Konzertgängerin. Nach Brett Anderson im Januar waren gestern Seabear aus Reykjavik dran – derzeit eine meiner absoluten Lieblingsbands. Zum Glück haben wir noch Karten an der Abendkasse bekommen, und außerdem die Garderobenmarken mit den Nummern 1 und 2. Die Vorgruppe war (in Teilen) bärtig und brummelig, aber durchaus hörenswert. Als Seabear dann auf der Bühne standen und ausgerechnet mit meinem Lieblingssong "Arms" loslegten, war ich wunschlos glücklich. Das ganze Konzert war unbeschreiblich schön. Und dabei ist mir etwas ziemlich Erstaunliches aufgefallen: Während ich früher Musik gehört habe, um darin mein eigenes "Leiden" wiederzufinden, höre ich sie nun, weil sie mich glücklich macht. Was ist da nur passiert? Leide ich nicht mehr am Leben? Oder anders als früher? Nennt man das Erwachsenwerden? Zufriedenwerden? Oder einfach nur Älterwerden? Auf jeden Fall fühlt es sich erstaunlich gut an. Wo auch immer ich da angekommen bin, ich möchte nicht mehr von dort weg. Oder noch weiter hin. Die Frage ist unausweichlich: Geht da noch mehr?
Ich habe mir fest vorgenommen, in zehn Jahren diesen Blogeintrag nochmals zu lesen und mir die Frage in einem Kommentar zu beantworten. Wer jetzt denkt "Geh, den Blog gibt's in zehn Jahren doch längst nicht mehr!", der könnte Recht haben. Aber wenn es ihn nicht mehr gibt, dann wahrscheinlich deshalb, weil er mir einfach nicht mehr wichtig ist. Es könnte ja durchaus sein, dass wachsende Zufriedenheit Blogs überflüssig werden lässt. Man darf gespannt sein.
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Wegweiser
Donnerstag, 18. Februar 2010
Hollywoodschaukel
Wenn ihr ungefähr so alt seid wie ich, dann hattet ihr bestimmt auch so ein Teil oder kanntet jedenfalls jemanden, der eins hatte... ;-)

Die Hollywoodschaukel im Garten meiner Großmama hat viele Erinnerungen bei mir hinterlassen. Ich kann mich an den Geruch der sonnenerhitzten Polster erinnern und an das hartnäckige Quietschen beim Schaukeln. Am liebsten saß ich allein darin. Oder besser: ich lag und versuchte, im Liegen zu schaukeln, was mir nie so recht gelingen wollte (und was von meinen Eltern gar nicht gern gesehen wurde, weil die Schaukel nicht sonderlich standfest war). Wenn ich heute an die Hollywoodschaukel denke, ist auch alles andere wieder da. Die Erdbeeren, das Johannisbeergelee, der Rhabarberkuchen mit dem Baiserschaum. Die Minze, die so wunderbar gerochen hat, wenn man sie zwischen den Fingern zerrieb. Das Gefühl der Brennesseln an den Beinen. Und der Nachbarshund, mit dem ich am Zaun entlang immer Wettrennen gemacht habe. Manchmal saß ich im Gartenhäuschen und habe mir vorgestellt, dort zu wohnen, ganz allein, und von dem Obst im Garten zu leben. Die Steinplatten auf der Terrasse waren in der Sonne glühend heiß unter den Füßen, man durfte nicht stehen bleiben, man musste immer weiter. Und überall liefen diese winzigen roten Milben herum. Ich habe ganze Nachmittage damit verbracht, Insekten aus dem Wasser zu retten. Warum wollte ich eigentlich nie Bademeisterin werden?
Anlass für meine Gedanken über dieses farbenfrohe Familienfoto ist übrigens die Literaturzeitschrift "Kritische Ausgabe", die in ihrem nächsten Heft mit dem Thema "Familie" möglichst keine normalen Autorenfotos haben will, sondern Fotos, auf denen die Autoren zusammen mit dem abgebildet sind, was sie als ihre Familie ansehen (können auch Freunde oder Stofftiere sein, hieß es). Ich besitze leider kein aktuelles Familienfoto, und meine Stofftiere sind schon vor langer Zeit dem Entsorgungsdrang meiner Mutter zum Opfer gefallen, also musste ich fototechnisch zurückgehen in eine Zeit, in der ich noch nicht so fotoscheu war wie heute. Und wie's ausschaut, wird in der nächsten Kritischen Ausgabe dann Klein-Myriam in der Hollywoodschaukel auftauchen, neben Großpapa, Mama und Großmama. Das Foto hat der Papa gemacht.
Ich finde es schade, dass die Hollywoodschaukel später im Rahmen eines Umzugs entsorgt wurde. Kann man sich vorstellen, dass ich seit meiner Zeit in diesem Garten keine Glühwürmchen mehr gesehen habe? Gibt es überhaupt noch Glühwürmchen? Gibt es noch Hollywoodschaukeln? Meine Haare sind jedenfalls nicht mehr so hell wie damals. Dafür ist die Nase viel größer. Die Hände hingegen sind fast genauso klein geblieben - weshalb ich die kleinsten Papierschiffchen der Klasse falten konnte, einige Jahre später allerdings das Gitarrespielen nach einem einigermaßen langen Versuch wieder aufgegeben habe, da so mancher Akkord nicht greifbar war. Um vor ein paar Monaten beim Orthopäden eine Bandage für mein Handgelenk zu bekommen, musste die Sprechstundenhilfe in den Keller gehen: "Größe 1 haben wir hier oben nicht, das braucht sonst kein Mensch."
Ich habe kürzlich versucht, ein Papierschiffchen zu falten und konnte es nicht mehr. Es sollte gar kein besonders kleines sein, ich wollte einfach nur mal wieder ein Schiffchen falten. Aber ich wusste nicht mehr, wie es geht. Bis zum Hut kam ich noch, und das war’s dann. Dieser Moment hat sich angefühlt, als wäre irgend etwas falsch gelaufen zwischen damals und heute, als wäre ein sehr elementarer Teil von mir verschwunden. Einfach weg. Wie die Glühwürmchen und der Baiserschaum und ein Teil der Personen auf dem Foto.
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Montag, 8. Februar 2010
Borreliose
Heute mal ein bisschen Aufklärungsarbeit hinsichtlich einer Krankheit, die man nach einer unbehandelten Infektion ein Leben lang mit sich herumschleppt, die sich vielfältig äußern kann und oftmals zu falschen Diagnosen führt: die Lyme-Borreliose.
Ich selbst wurde im Alter von acht Jahren damit infiziert und leide - nach früheren gelegentlichen und nur leichten Beschwerden - seit letztem Jahr erstmals an starken Beschwerden, die einen normalen Alltag so gut wie unmöglich machen. Die Krankheit kann im Spätstadium im schlimmsten Fall nicht nur zu starken Schmerzen, sondern auch zu Lähmungen führen. Ich möchte deshalb an dieser Stelle einen Link zu einem informativen Artikel der Apotheken-Umschau posten. Leider ist die Krankheit in der Bevölkerung und sogar unter Ärzten immer noch nicht sehr bekannt. Im besten Falle hat man schon mal davon gehört, weiß aber nicht wirklich etwas über die Symptomatik.
Infos zur Lyme-Borreliose (Symptome, Diagnose, Therapie etc.)
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Wegweiser
Dienstag, 2. Februar 2010
werbepausendichten
so muss es sein in nächster zeit
das gras wächst sich tot und ich
schrei es nieder bis die stimmen
fast verschwinden und sich lösen
von der angst ich habe rote kreuze
im kalender und die schwarzen
zahlen auf der sicheren seite aber
ohne reihenfolge falsch gestaffelt
ist hier nur noch chaos nur noch
tage ohne ein gespür für schnee
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Lyrikbrocken
Sonntag, 24. Januar 2010
Katharina Hagena // Der Geschmack von Apfelkernen
Wie schmecken eigentlich Apfelkerne? Eine Frage, die ich nicht beantworten kann, denn ich habe noch nie einen Apfelkern gegessen. Grund dafür ist unter anderem, dass mit absoluter Zuverlässigkeit jeder Apfel, den ich aufschneide, Schimmel im Kernhaus hat. Ob das nun daran liegt, dass ich die falschen Apfelsorten kaufe, oder vielleicht an Dauer und Art der Lagerung, ehe die Äpfel den Endverbraucher erreichen, darüber kann ich nur mutmaßen. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Äpfel von den Apfelbäumen meiner Großmutter, die ich als Kind gegessen habe, keine schimmeligen Kernhäuser hatten. Weil ich aber eine Erziehung genossen habe, in der das Mitessen von Kernhäusern ein Tabu war, habe ich auch in etwaigen schimmelfreien Zeiten nie einen Apfelkern probiert. Und genau hier setzt er an, "Der Geschmack von Apfelkernen" von Katharina Hagena, in den unabänderlichen Geschehnissen der Vergangenheit, im Haus der verstorbenen Großmutter, im Haus der Kindheit einer inzwischen jungen Erwachsenen.
Nach dem Tod ihrer Großmutter Bertha erbt Iris das alte Haus mit Garten. Während sie dort einige Tage verbringt, um sich darüber klar zu werden, ob sie das Anwesen behalten soll, kehren die Erinnerungen zurück, die Schicksale ihrer Familie. Auch ihr bisher unbekannte Schicksale erscheinen auf der Bildfläche. So erfährt Iris, dass ihr Großvater vielleicht nicht der leibliche Vater einer ihrer Tanten war. Sie erfährt dies übrigens vom potentiellen leiblichen Vater der Tante. Was Iris ansonsten noch widerfährt in diesen Tagen: Sie badet nackt im See und begegnet dabei ihrem Anwalt, der wiederum der Bruder einer ihrer Kindheitsfreundinnen ist ("Ich war splitternackt und er mein Anwalt.", S. 91), sie radelt in einem goldenen Ballkleid ihrer Mutter, das der Kleiderschrank in Berthas Haus hergibt, zum Baumarkt und purzelt auf dem Rückweg samt zerplatzendem Farbeimer und Fliege im Auge auf die Straße (und wird vom Anwalt aus der Farbsuppe gefischt), sie streicht das Hühnerhaus (mit Hilfe des Anwalts), sie badet nochmal nackt im See und begegnet auch dabei...na, wem wohl? Ja, und bei diesem neuerlichen Bade passiert dann endlich auch etwas mehr zwischen ihm und ihr, wenn auch nicht genug, wie sie findet. Er ist schon ein Rätsel, dieser Max. Und Iris selbst ist das bisweilen auch.
"Der Geschmack von Apfelkernen" ist kein neues Buch, aber immerhin relativ neu als Taschenbuch, und weil ich Hardcover nicht mag (die lassen sich so schlecht in Seitenlage im Bett lesen, meiner Lieblingsleseposition), greife ich meist erst zu, wenn das Taschenbuch erscheint. Ein wenig enttäuscht war ich, weil die ersten Absätze des Buches so vielversprechend gewesen waren und das Folgende dieses Versprechen zunächst nicht einlösen konnte. Nicht, dass es ein schlechtes Buch wäre. Es ist ein sehr gutes Buch. Aber die ersten Absätze gehören zu den eindringlichsten und außergewöhnlichsten des gesamten Buches. Man erfährt von "konservierten Tränen", einem durchsichtigen Johannisbeergelee, das aus über Nacht weiß gewordenen, ehemals roten Johannisbeeren gemacht wurde. Weiß wurden die Johannisbeeren im Garten seinerzeit mit dem Tod der damals 16-jährigen Anna, Berthas Schwester. Der Rest der dargestellten Familienschicksale kommt ebenfalls nicht beliebig daher, ist unterhaltsam erzählt und wartet immer wieder mit erstaunlichen Details auf. Trotz dieser Tatsachen und obwohl auch die konservierten Tränen hin und wieder ein weiteres Gastspiel geben, gibt es Strecken im Buch, die gegenüber anderen etwas blass aussehen. Wie weiße Johannisbeeren eben. Allzu banale Beschreibungen von getätigten Einkäufen beispielsweise. Im weiteren Verlauf des Buches sterben diese Stellen allmählich aus, und sie sind mir möglicherweise auch nur deshalb aufgefallen, weil das meiste in diesem Buch eben nicht banal ist.
Hin und wieder habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass mir eine nicht in solch weiten Teilen "erinnerte" Geschichte lieber gewesen wäre. Das ist wahrscheinlich Geschmackssache, und ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, wie man die vorliegende Geschichte anders erzählen sollte. Vielleicht war es für mich das richtige Buch zum falschen Zeitpunkt. Ich stehe derzeit wesentlich mehr auf das Jetzt als auf Erinnerungen.
A propos Geschmackssache: Apfelkerne schmecken nach Marzipan. Das erfahren wir auf Seite 66.
Der Geschmack von Apfelkernen. Roman (TB)
Kiepenheuer & Witsch, Köln, August 2009
272 S., ISBN 978-3-462-04149-1, Preis 8,95 Euro
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Rezensionen (Literatur)
Mittwoch, 13. Januar 2010
Familie Schmitt und Profilneurosen
Ich gehe ja des öfteren auf dem Ohlsdorfer Friedhof spazieren. Das Gute daran: Er ist so groß, dass man dort schon mal eine Stunde lang herumlaufen kann, ohne jemandem zu begegnen. Das Blöde daran: Er ist so groß, dass man dort schon mal eine Stunde lang herumlaufen kann, ohne jemandem zu begegnen. Wenn man also allein sein will, dann passt es. Wenn man sich verlaufen hat, nervt es. Und ich schaffe es immer wieder, mich dort zu verlaufen. Es kann dann durchaus vorkommen, dass ich ein, zwei Stunden länger auf dem Gelände verbringe, als ich vor hatte. Ich besitze nämlich null Orientierung.
Und hier kommt Familie Schmitt ins Spiel. Wenn man eine schlechte Orientierung besitzt, entwickelt man Strategien, um sich möglichst wenig zu verlaufen. Zum Beispiel merkt man sich die Namen auf einzelnen Grabsteinen, an denen man vorbeikommt, um diese auf dem Rückweg (welcher für Menschen ohne Orientierungssinn völlig anders aussieht als der Hinweg) wiederzufinden. Wichtig hierbei: Niemals Familie Schmitt bemühen!

Denn Familie Schmitt gibt es auf dem Friedhof Ohlsdorf mindestens an jeder zweiten Ecke. Ebensowenig ist es ratsam, sich bei gängigen Nachnamen zusätzlich den Vornamen zu merken. Ist erstens umständlich und zweitens sinnlos, wenn der Mensch nicht gerade Eckebert-Friedhelm heißt. Rolf Müller beispielsweise ist selbst nach seinem Ableben noch ein übler Schurke und geistert einfach überall herum.

Da mein Gedächtnis mindestens ebenso schlecht ist wie mein Orientierungssinn, gerate ich allerdings auch bei den pfiffig ausgewählten Namen in arge Bedrängnis, weil sie mir zwanzig Meter weiter meist schon wieder entfallen sind. Und deshalb ist mir der aktuell so frostige Winter ziemlich lieb. Verschneit sieht der Ohlsdorfer Friedhof richtig hübsch aus!

Der entscheidende Vorteil am weißen Winter ist jedoch: Verlaufen ist derzeit so gut wie ausgeschlossen, weil man sich immer am Profil der eigenen Schuhe im Schnee orientieren kann. Je ausgefallener das Profil, umso leichter hat man's. Ich kaufe meine Winterschuhe längst nicht mehr nach ganzheitlicher Optik. Ich gehe nach der Sohle, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann klappt's auch mit der Zeitplanung beim friedhöflichen Spaziergang und man kann pünktlich zum Abendessen wieder zu Hause sein...
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Denkpausen
Dienstag, 5. Januar 2010
Brett Anderson // Slow Attack
Eine alte Liebe vergisst man normalerweise nicht. Doch man kann sie aus den Augen verlieren und nach einigen Jahren feststellen, dass sie erwachsen geworden ist.
Als sich Suede damals aufgelöst haben, waren mir The Tears kein wirklicher Trost. Also habe ich den Kontakt abgebrochen und das Ganze nicht mehr weiter verfolgt, weil man nicht gerne dabei zusieht, wie eine alte Liebe sich von einem entfremdet.
Umso dankbarer bin ich, dass mich nun jemand aus meinem Dörnröschenschlaf geholt und mich auf die Solowerke von Brett Anderson aufmerksam gemacht hat. Etwas beschämt bin ich schon, davon so gar nichts mitbekommen zu haben. Wie tief kann man schlafen? Ja, ich war wohl fast schon komatös.
Und so habe ich nun das aktuelle Soloalbum "Slow Attack" von Brett Anderson gehört. Ich weiß nicht viel über Musik und ich weiß nicht viel über Literatur. Beides nehme ich mit Sicherheit anders auf als jemand, der eine vorwiegend wissenschaftliche Herangehensweise hat. Egal ob ich ein Buch lese/schreibe oder ob ich Musik höre - ich kann nur dem vertrauen, was ich dabei spüre. Bei "Slow Attack" ist es das Folgende: Sie sind noch da. Die Streicher, das Piano aus Suede-Zeiten. Auch die Sehnsucht in den Texten. Das macht es einfacher, nach all den Jahren wieder einen Zugang zu finden. Doch nötig wäre diese Verbindungslinie hier gar nicht gewesen, ich würde "Slow Attack" auch nicht anders beurteilen, wenn ich noch nie ein Suede-Album gehört hätte. Dieses Werk spricht für sich selbst, auch ohne Erinnerungen. Jeder Song stimmt, jedes eingesetzte Instrument scheint beängstigend genau an seinem Platz. Es ist ein Album wie ein guter Roman, kein Stückwerk, sondern ein perfektes Ganzes, in dem die einzelnen Titel zu einer Einheit verschmelzen. Ein unaufgeregtes Album voller trauriger, sehnsuchtsvoller Töne und Texte, die immer auch Hoffnung und Leidenschaft vermitteln. Ein Aufbruchsalbum, ein Angekommenseinalbum. Eine Slow Attack, der man sich nicht entziehen kann. Da gibt es keine Songs mit Überlänge und langen Insrumental-Passagen, die zwar in sich wunderbar sind, aber die Einheit und den Fluss eines Albums stören (wie z.B. bei "The Asphalt World" auf "Dog Man Star"), es gibt keine Eskapaden und keine Schnörkel. Hier ist alles sehr konsequent auf den Punkt gebracht, alles relevant und keine Sequenz überflüssig. Sollte ich "Slow Attack" mit einem Buch vergleichen, würde es "Herztier" von Herta Müller sein – nicht wegen der Texte, sondern wegen des Gefühls, mit dem es mich zurücklässt.
Noch etwas Schönes: Seit Suede-Zeiten hat sich Brett Andersons Stimme kaum verändert. Sie ist nicht wirklich älter geworden, aber erwachsener und ebenfalls mehr auf den Punkt. Vielleicht nicht so sehr in technischer Hinsicht wie in emotionaler.
Fazit: Eines der besten Alben, die ich je gehört habe. Noch besser als Suede. Oder auch: Wir sind nun alle ein paar Jahre älter, und das ist gut so.
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Rezensionen (Musik)
Donnerstag, 31. Dezember 2009
Vom Flimmern, Zwitschern und Präsenz zeigen
Habe ich was vergessen? Oder mit meinen Accounts bei MySpace, Facebook, Flickr und Twitter die volle Palette abgedeckt? Ist eigentlich gar nicht wichtig, denn da guckt sowieso kaum einer drauf. Also, nur die Leute, die man eh schon kennt, weil sie auch omnipräsent im www sind. Was nett ist, weil man jedem von ihnen wünschen kann, dass 2010 weniger beschissen wird als 2009, und das alles mit einem einzigen Posting.
Tja. Ich gehe jetzt ins Kino. Da lernt man, dass man als Schriftsteller seine genialen Manuskripte besser nicht irgendwo rumliegen lässt ("Lila Lila"). Und das Schönste daran: Der Kinogang ist fast gänzlich ohne Twitteroption - wenn ich mal so tue, als hätte ich mein Handy nicht dabei, und darin bin ich echt gut.
Happy New Year!
Stimmung: erwartungsvoll / schuldig / wie ein Frosch. Sucht euch was aus.
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Denkpausen
Samstag, 21. November 2009
Jubiläum des Forums Hamburger Autoren
Das Forum Hamburger Autoren hat nun satte zwanzig Jahre auf dem Buckel. Ich bin erst seit zwei Jahren mit von der Partie, aber immerhin war ich ja auch erst elf, als das Forum gegründet wurde, und außerdem noch so weit von Hamburg entfernt wie das Strohhutfest von der Herbertstraße.
Bei der Jahreslesung des Forums am 4. Dezember im Kulturhaus Eppendorf bin ich dieses Mal nicht dabei (bzw. nur als Zuhörerin). Aber wenn ich schon nicht mit der Stimme teilnehme, dann doch in jedem Fall auf dem Papier, und deshalb bin ich mit zum Teil unveröffentlichten Gedichten im 20. Jahrbuch des Forums vertreten, das pünktlich zur Lesung im Textem Verlag erscheint.

Schreiben, das geht, aber Lesen, das halte ich nicht aus
Forum Hamburger Autoren: 20. Jahrbuch
128 Seiten, 7 Euro,
ISBN 978-3-941613-10-2,
Textem Verlag 2009
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Druckbares,
Hörbares
Freitag, 6. November 2009
Textproben auf meiner Homepage
In der letzten Zeit erhielt ich von einigen Besuchern meiner Homepage Anfragen nach Textproben. Nun habe ich die Seite umgestaltet, um diesem Wunsch nachzukommen. Die Textproben sind jetzt als eigener Menüpunkt vertreten. Die Homepage enthielt zwar schon vorher Lese- und Hörproben, sie waren aber wohl so gut versteckt, dass sie nur selten gefunden wurden.
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